Nachgedacht

Beitrag : April 2021

Der renommierte Kunstpublizist, Buchautor und freie Kurator Raimar Stange hat in der neuen Ausgabe des „artist KUNSTMAGAZIN“ einen bemerkenswerten Essay zum Thema Kunst versus Hobby- und Freizeitkunst geschrieben, ein bis heute aktuelles und äußerst kontrovers diskutiertes Thema. Hierbei ärgert er sich mit Recht über den Begriff „systemrelevant“, z.B. wenn eine Shopping Malls mit Freizeitartikeln für Sport bis Musikhören geöffnet sind, dagegen aber viele Museen geschlossen, weil es sich hier um einenFreizeitsektor“ handelt, der also nicht „Systemrelevant“ ist. Und dennoch: Die Art und Weise wie der hiesige Kunstbetrieb seinen berechtigten Ärger begründet, ist durchaus fragwürdig.“

Warum? Das arg gebeutelte „Betriebssystem Kunst“ erklärte sich plötzlich als systemrelevant und empöre sich andererseits, Kunst sei „Freizeit“. Der Autor findet diese Formulierung „peinlich“, denn es sei noch nicht lange her, dass Bildende Kunst mehr sein wollte als eine „wertsteigernde, warenförmige Dekoration für potente Sammler oder ein ach so komplexes Stück Ästhetik, an der sich Kunsthistoriker abarbeiten“. Kunst wollte Kunst sein und z.B. mit ihrer Kritik an der Gesellschaft über die „systemimmanenten Stränge“ schlagen, die vor allem heute wichtig ist,“um mit Kunst(werken) engagiert kämpfen zu wollen für lebenswertere Zustände auf unseren krisengeschüttelten Welt.“

Entsprechend denkt Stange über den Unterschied von „Arbeit“ versus „Freizeit“ nach und fragt sich, warum der Kunstbetrieb den Begriff „Freizeit“ so barsch zurückweist: “Ist Kunst also bloße (erholende) Unterhaltung? Oder ist sie nicht vielmehr eine Form (ästhetischer) Bildung?“ Er stellt fest, dass gerade diese „rein bürgerliche Trennung“ von Freizeit, Arbeit und „hedonistischen Genuss“ von Künstlern z.B. der Relationalen Ästhetik aufgehoben wurde. Unterhaltsame Freizeit bekommt „wenn man nach Brecht so will, dadurch Lehrwert und ist daher weit mehr als nur ein Zeit vertreibendes, also Zeit vernichtendes Nachgehen eines Hobbys“.

So sind für Stange Kunst und Freizeit keine „unüberwindbaren Gegensätze“ und daher gäbe es auch keinen Grund des „Betriebssystems Kunst“ sich so wütend gegen die „Freizeit“ zu wehren. Und am Ende kommt er zu dem Schluss, dass es stattdessen wichtig wäre, die eigenen Freizeitangebote“ (wieder) so pädagogisch wertvoll wie möglich zu gestalten“.

Vor dem Hintergrund dieser klugen Überlegungen, sollte man einmal mehr den Unterschied zwischen der „richtigen“ Kunst und der bloßen „Freizeit und Hobbykunst“ überdenken.

Artist Kunstmagazin Ausgabe Nr. 126/Februar 2021-April 2021 /Artist Essay von Raimar Stange /“Systemrelevante Freizeitkunst?“ / Seite 37/38

C Text: Michael Troesser

Siehe hierzu auch Elfi Lütcke, Vorwort, „Freude an der Kunst“ >>> https://www.kunstverein-ratinger-maler.de/ueber-uns/

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