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Hände – Eine Kulturgeschichte

M.C. Escher, Zeichnende Hände 1948    Bildzitat aus J.H „Hände – Eine Kulturgeschichte“

Hände : „Fühlhörner der Vernunft“

Friedrich Schlegel

Über das Selbstverständliche wird meist wenig nachgedacht, denn es ist ja so selbstverständlich. Stellt man es dann doch einmal in den Mittelpunkt der Überlegung, wird einem plötzlich bewusst, wie wenig selbstverständlich und komplex dieses Objekt des Alltäglichen ist.

Jochen Hörisch, emeritierter Professor für Medienanalyse und Germanistik an der Universität Mannheim, hat genau dies unternommen und das umfassende Buch: “Hände – Eine Kulturgeschichte“ veröffentlicht. Das reich bebilderte Werk ist eines der Bücher, das deswegen so spannend ist, weil es uns alle angeht, denn wir haben (fast) alle Hände. Und plötzlich lernt man nicht nur mehr über sein Körperteil, sondern auch über sich selbst.

Der Bogen, den Hörisch bei seiner Untersuchung der Hände schlägt, ist groß: Von der etymologischen Betrachtung bis zur Biologie dieses filigranen Multiinstrumentes („Das dreiteilige, aus Handwurzel, Mittelhand und fünf fingern konfigurierte Gebilde besteht aus nicht weniger als 27 Einzelknochen – immerhin ein Viertel aller menschlichen Knochen“ J.H. Seite 106.). Vom Fußball („Handspiel ist schlimmer als ein Tritt vors Schienbein“ J.H. Seite 10 ) bis zur Schreibmaschine (type engl.Schlag/Typewriter Schreibmaschine, J.H. Seite 21 ff) und Digitalisierung, die er als die „Epoche der Handvergessenheit“ bezeichnet. Die Sprechsteuerung und Sprachbefehle an Siri und Alexa machen „jede Form von Handarbeit und Fingerfertigkeit überflüssig“.

Entsprechend hat die Handschrift an Prestige verloren, wie z.B. das Gedicht von Heiner Müller beschreibt: “Ende der Handschrift“.

Dennoch wäre es töricht, die Bedeutung der Hand trotz aller technischer Automationen weniger Wert zu schätzen – ob als Handwerk der „haptischen und taktilen Sphäre“ oder der „Begriff“ und „begreifen“ im kognitiven Bereiches: Im Deutschen ist Vieles handbasiert. Wobei er schon zu Beginn die enge Verknüpfung von Kopf und Hand thematisiert: „Hand und Kopf steigern, wenn sie kooperieren (und das tun sie ständig, das können sie nicht nicht tun) wechselseitig ihre Fähigkeiten. Sie sind koevolutionäre Organe“.(J.H. Seite 10)

Hörisch hat seine Kulturgeschichte in fünf großen Kapiteln strukturiert. So geht es neben der „Phänomenologie der Hand“ zur Hand Gottes“ („alles liegt in Gottes Hand“, „so nimm denn meine Hände“) der unsichtbaren Hand des Marktes (Manager, abgeleitet von manus/Hand) oder zur öffentlichen und privaten Hand (z.B. die „sprechenden Hände bei Merkels Handraute: “So tiefsinnig können Hände sprechen“).

Allerdings merkt man, dass Hörisch Germanist ist, sind viele Aspekte doch aus der Literatur abgeleitet, wie z.B. von, Kafka (1912: “ich fühle, wie ich mit unnachgiebiger Hand aus dem Leben gedrängt werde, wenn ich schreibe“), Schlegel (Hände: „Fühlhörner der Vernunft“) Rilke, Thomas Mann (Buddenbrooks), vor allem aber Goethe, bei dem Hörisch das Handmotiv sogar als „Roten Faden“ sieht und unzählige Beispiele aufzeigt, wo in seiner Welt Hände in vielen Zusammenhängen greifen, ob bei FAUST, den Wahlvierwandschaften oder Werther, der „nicht durch Lottes Hände“ stirbt, sondern durch eigene Hand stirbt .“Mit Handgreiflichem und Händel, mit Handel und Handlungen, mit sichtbaren und unsichtbaren Händen ist Goethes Werk mit unvergleichlicher Intensität nachgegangen“(J.H. Seite 29)   

Aber ebenso wichtig ist die Hand in der Musik, Bildhauerei, Fotografie und bildenden Kunst. Hier zeigt Hörisch an zahlreichen Bildern, wie z.B. Michelangelo „Die Erschaffung Adams“, Leonardo da Vincis „Mona Lise“, Albrecht Dürers „Betende Hände“ bis hin zu Paul Klee, „Hat Kopf, Hand, Fuß und Herz“, Rodins Die Kathedrale Hände“ oder Eschers „Zeichnende Hände“ die Hand nicht nur zur Schaffung von Kunst benutzt, sondern selbst in der Kunst dargestellt werden. “Maler und Bildhauer gelten auch und gerade in der Postmoderne als die souveränen Handwerker, die mehr sind als nur Handwerker. Ihnen gelingt eine handwerklich souveräne Umsetzung genialer Konzepte, sie stehen für handfeste Symbiosen von Kopf- und Handarbeit ein. Ihnen kann der Aufstieg in die Sphäre der Superreichen und Superprominenten gelingen, obwohl und weil ihre Genialität die ihrer Hände ist“.(J.H.Seite 17)

Ein wichtiges und gleichsam geniales Fazit nach aller Analyse und Betrachtung formuliert Hörisch : “Es ist mehr als nur ein Wortspiel, wenn man feststellt, dass Hände nicht nur taktile Resonanzen mit der Umwelt ermöglichen, sondern auch ein taktisches und taktvolles Verhältnis zu sich selbst, zu dem Körper, dessen zentraler und zugleich exzentrisch-extremer Teil sie sind. Ich ertaste, erspüre und gestalte mich, also bin und werde ich. Die menschliche Hand ist mehr als nur ein verlängerter Arm von Geist, Bewusstsein, Ich, Hirn, sie ist ein geistreiches, sowohl Fremd- als auch Selbstbeziehung ermöglichendes Organ“(J.H. Seite

Auf fast jeder der 300 Seiten entdeckt man neue Zusammenhänge, Handsymbole, Erklärungen, hat Aha-Erlebnisse, ist beeindruckt von der Bandbreite dieser Kulturgeschichte und hat Lust, viele Stellen ein zweites Mal zu lesen. Daher uneingeschränkte Leseempfehlung.

Jochen Hörisch / HÄNDE – Eine Kulturgeschichte / Hanser / 1. Auflage 2021 / 304 Seiten / 28.- €

C Text: Michael Troesser

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